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Institut für Politikwissenschaft und Soziologie

Das Pariser Klimaabkommen in der Diskussion

Unter dem Titel „The Paris Agreement – Achievements and Shortcomings“ diskutierten am 22. Juni 2016 der indische Gastprofessor Sanjay Chaturvedi von der Punjab University Chandigarh und der Würzburger Klimaforscher Prof. Heiko Paeth über Erfolge und Defizite des Pariser Klimaabkommens. Prof. Gisela Müller-Brandeck-Boucquet moderierte die vom Indien-Forum und der Professur für Europaforschung und Internationale Beziehungen ausgerichtete Debatte.

Prof. Heiko Paeth brachte als Inhaber der Professur für Physische Geographie der Universität Würzburg dabei die naturwissenschaftliche Perspektive ins Spiel. Seine Sichtweise auf die in Paris erzielte Einigung war größtenteils pessimistisch: Neben unrealistischen Schwellenwerten und einer zu unkonkreten Zielsetzung des Abkommens bemängelte er unter anderem die unzureichende Thematisierung der Dekarbonisierung der Weltwirtschaft. Für ihn stellt das Abkommen einen zu großen Kompromiss dar, der kaum wahrnehmbare Konsequenzen für das globale Klima haben wird. Oder anders formuliert: "The question is not whether the glass is half empty of half full. For me, it is 90% empty."

Die Haltung von Prof. Chaturvedi fiel nicht ganz so negativ aus; jedoch erklärte er, er fühle angesichts des Pariser Abkommens „joy rather out of a sense of relief than of a sense of achievement“: Während die Tatsache, dass sich 195 Staaten auf einen gemeinsamen Fahrplan zur Bekämpfung des Klimawandels einigen konnten, seiner Meinung nach zwar einen großen politischen Erfolg darstellt, bedauerte er, dass das Abkommen bisher von nur vergleichsweise wenigen Staaten ratifiziert wurde und zudem die ehrgeizigen Zielsetzungen vermutlich in ihrer Umsetzung scheitern würden. Er zeichnete so ein eher gemischtes Bild aus Errungenschaften auf der politischen und Defiziten auf der inhaltlichen Seite. So zeigte er sich beispielsweise erfreut über die Beibehaltung des Prinzips der gemeinsamen, aber geteilten Verantwortung, äußerte aber gleichzeitig Bedenken ob der tatsächlichen Umsetzung dieses Prinzips und kritisierte die mangelnde Erwähnung der dafür notwendigen finanziellen Unterstützung für Entwicklungsländer.

Nach diesen Anfangsstatements leitete Prof. Müller-Brandeck-Bouquet die nun folgende Debatte mit der provokanten Aussage ein, das Pariser Abkommen sei ein Opfer von Klima-Reduktionismus à la Mike Hume geworden. Prof. Chaturvedi stimmte dem teilweise zu und warnte in diesem Zusammenhang vor einer Determination des politischen Diskurses durch den Klimawandel. Dies zu verhindern, sei seiner Ansicht nach ein wichtige Frage für die Sozialwissenschaften. Die Forderung nach einer größeren Rolle der Sozialwissenschaften betonte er auch, als Prof. Müller-Brandeck-Boucquet die Rolle von Demographie und Bevölkerungswachstum hinsichtlich des Klimawandels in die Diskussion einbrachte. Durch die demographischen Konsequenzen des Klimawandels wie beispielsweise Klimaflucht komme es, so Prof. Chaturvedi, derzeit zu einer „Versicherheitlichung“ des Klimawandels. Um derartige Aspekte in der Forschung angemessen berücksichtigen zu können, forderte er daher eine „social natural science“ und betonte auch hier die Rolle der Sozialwissenschaften in der Suche nach politischen Lösungen für den Klimawandel. Den Sozialwissenschaften käme nicht zuletzt deshalb eine so große Rolle im Ringen um eine Rettung des Weltklimas zu, weil, wie Prof. Müller-Brandeck-Bouquet es formulierte, die Unterzeichnung bindender Abkommen durch alle Staaten nicht zu erwarten sei, nicht-bindende Abkommen aber keine weit genug reichenden Konsequenzen hätten.

Unter die nach der Diskussion folgenden Fragen aus dem Publikum mischte sich auch eine Frage, die in der aktuellen Debatte um den Klimawandel wohl kaum vermeidbar ist: Welche Hoffnungen bleiben nach dieser eher pessimistischen Darstellung des Pariser Abkommens? Wird es die Technik sein, die durch Geo-Engineering dem Klimawandel Einhalt gebietet? Prof. Paeth verwies auf die Gefahren und unabsehbaren Folgen des Geo-Engineering. Wichtig sei vielmehr ein gesamtgesellschaftliches Umdenken. Diese Haltung bekräftigte Prof. Chaturvedi und fügte hinzu, dass auch ein Paradigmenwechsel hinsichtlich von Entwicklung notwendig sei. Dass dieser Paradigmenwechsel aber eintrete, so Prof. Paeth, sei nur noch eine Frage der Zeit, da der Klimawandel auch den Staaten schade, die als entwickelte Staaten sonst "auf der Gewinnerseite" stünden.

Diesen Funken Optimismus nahm Prof. Müller-Brandeck-Bouquet am Ende der gut eineinhalbstündigen Veranstaltung dann auch in ihre Schlussworte auf: "Stay positive!"

Die Kooperation wird durch den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD)
aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert.

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