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Institut für Politikwissenschaft und Soziologie

Vortrag von Daniel Lambach zu „Warum kollabieren Staaten? – Harte Theorie trifft auf komplexe Empirie“

Auf Einladung des neu gegründeten AK Staats- und Regimeforschung stellte der Politikwissenschaftler PD Dr. Daniel Lambach (Universität Duisburg-Essen) am 11. Januar 2017 in einem 45-minütigen Vortrag mit anschließender Diskussion die Methodik sowie wesentlichen Ergebnisse seines DFG-Forschungsprojekts zu den Ursachen von Staatskollaps vor.

Zu Beginn illustrierte Lambach, dass fragile Staatlichkeit als Sammelbegriff für vielerlei Phänomene wie etwa Failing States, Quasi-Staaten, unkonventionell regierte Staaten und andere verwendet wird. Die damit einhergehende Heterogenität der betrachteten Fälle wollte sein Forschungsprojekt vermeiden, indem es sich auf die Extremform von fragiler Staatlichkeit, nämlich Staatskollaps, fokussierte.

Lambach erläuterte, dass es viele Theorien zum Thema gebe, die jedoch auf nur „wackeligen empirischen Füßen“ stünden. Als Ursachen für fragile Staatlichkeit würden häufig koloniales Erbe, Neopatrimonialismus/Bad Governance, Ressourcenfluch/Rentenstaatlichkeit, externe Unterstützung, regionale Ansteckungseffekte und Globalisierung genannt werden. Ziel seines Forschungsprojekts war es eine dynamische Erklärung von Staatszerfall mit möglichst großer Reichweite zu finden, die die Äquifinalität von Staatskollaps berücksichtigt. 

Das Projekt startete mit der Wahl der Staatsdefinition, die zugunsten der Weberschen Definition gegenüber einer Output-orientierten Betrachtungsweise ausfiel. Davon ausgehend wurden die Regeldurchsetzung, die Gewaltkontrolle sowie die Steuererhebung als elementare Staatsfunktionen definiert und dementsprechend die Dysfunktion aller drei über einen Zeitraum von sechs Monaten als Staatskollaps festgesetzt. Nach der nun folgenden Operationalisierung des Staatskollaps-Konzeptes erörterte Lambach das Vergleichsdesign der Studie. Zum einen wurden Staatskollapsfälle mit Krisenfällen desselben Landes zu anderen Zeitpunkten verglichen, die jedoch nicht zu einem Kollaps führten (diachroner Vergleich) und zum anderen wurden Vergleiche mit ähnlichen Ländern ohne Kollaps angestellt (synchroner Vergleich). Dies geschah mit Hilfe der QCA-Methode in deren Rahmen neun besonders aussagekräftige, unabhängige Variablen als Einflussfaktoren untersucht wurden. Es zeichneten sich jedoch zunächst keine klaren Modelle ab, weshalb man Einzelfallstudien zur Modellbildung heranzog und Process Tracing unter anderem im Hinblick auf die Fragestellung durchführte, welche Bedingungen sich kausal auf Staatszerfall auswirkten. Dadurch fielen beispielsweise die vormals angenommenen Bedingungen des geringen Pro-Kopf-Einkommens und des Rückgangs der Staatseinnahmen weg, wohingegen neue Bedingungen wie Elitenkonflikte hinzukamen. Ein überraschendes Ergebnis war, dass die bisher als stabilitätsfördernd angenommene internationale Unterstützung sich im Staatszerfallsprozess durchaus auch negativ auswirken kann. 

Abschließend gab Lambach einerseits einen Ausblick auf weitere Forschungsfragen, die sich diesen Ergebnissen anschließen könnten. Zudem wies er darauf hin, Staatszerfall nicht nur „pathologisch“ als Sicherheitsproblem für die westliche Welt zu betrachten, sondern die Problematik stärker im Hinblick auf die Wirkungen für die jeweiligen Gesellschaften zu sehen und daher langfristigere Ansätze zu verfolgen. Die Untersuchungsergebnisse könnten zudem für Frühwarnsysteme genutzt werden. 

Dem Vortrag schloss sich eine erkenntnisreiche Diskussion der im Projekt verwendeten Konzepte und deren Operationalisierung sowie weitere kritische Fragen seitens der Studierenden und Institutsmitgliedern an.

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