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Institute of Political Science and Sociology

Geschlechterkategorisierungen im Sport und ihre Grenzen

Online-Vortrag von Dr. Karolin Heckemeyer

Der erste Vortrag im Rahmen des AK Gender im Sommersemester 2021 fand am 16. Juni statt und wurde von Dr. Karolin Heckemeyer zum Thema "Geschlechterkategorisierung im Sport" gehalten. Karolin Heckemeyer gliederte den Vortrag in drei große Bereiche: Leistungslogik, Geschlechtersegregation und Geschlechterverifikation.

Im ersten Teil des Vortrags erörterte Karolin Heckemeyer die Gründe, weshalb Menschen üblicherweise Sport treiben, insbesondere Leistungssport. Sie betonte die Radikalität der Leistungsselektion und die körperliche Ungleichheit vor dem Hintergrund meritokratischer Prinzipien. Die Teilnahme am Leistungssport ist mit dem Glauben an Leistungsvergleiche und ihre Sinnhaftigkeit verbunden. Deshalb verlangt ein kritischer Ansatz, die „Spielregeln“ zu hinterfragen: wer kann am Sport teilnehmen und unter welchen Bedingungen? In welchem Verhältnis stehen Differenz und Gleichheit, Chancen- und Ausganggleichheit zueinander? In Bezug auf die Natürlichkeit sportlicher Leistung fragte sie: „Wann ein Körper natürlich ist und wann nicht?“

Die Geschlechtersegregation im Sport ist ein weites Thema und ihre Existenz ist so alt wie die Geschichte des Sports selbst. Zum Beispiel gibt es eine Trennung zwischen Sport und Frauensport, wobei der Männersport als „Original“ und der Frauensport als Ableger konzipiert wird. Im Sport manifestieren sich heteronormative Vorstellungen und die Annahme eindeutiger Zweigeschlechtlichkeit. Es gibt in der Gesellschaft, aber eben auch im Sport eine Vorstellung davon, was es heißt, ein „richtiger „Mann oder eine „richtige“ Frau zu sein, die an gesellschaftliche Stereotype, den Glauben an eine Hierarchie zwischen den Geschlechtern sowie biologische Merkmale anknüpft und von eindeutigen und binären Geschlechtszugehörigkeiten ausgeht. Diese heteronormative Perspektive würde zu einer Heterosexualisierung des Sports, der Marginalisierung verschiedener Geschlechter sowie der Diskriminierung aller nicht-cis Männer führen.

Bereits zu Beginn des dritten Teils machte Karolin Heckemeyer deutlich, dass die im Sport – insbesondere Leistungssport - bis heute angewandte sogenannte "Geschlechterverifikation" eigentlich eine "Weiblichkeitsverifikation" ist, bei der Sportlerinnen unter Generalverdacht gestellt werden und anhand verschiedener Kriterien (z.B. Testosteronwert im Blut) ihre „Weiblichkeit“ beweisen müssen.  Seit den 1990er Jahren wurden zwar die obligatorischen Weiblichkeitstests von der IAAF und dem IOC abgeschafft. Aktuelle Dokumente enthalten jedoch immer noch implizite Verweise auf die alten Normen und in Verdachtsfällen finden „Geschlechtsverifikationsverfahren“ noch heute statt. Dabei wird mit dem Schutz von Frauen und Fairness argumentiert, de facto werden aber alle nicht-cis Männer diskriminiert und nur solche Frauen nicht unter Verdacht gestellt, die dem weißen Bild des Weiblichen entsprechen, weshalb ein ethnischer bis rassistischer Bias zu beobachten sei. Die Folgen derartiger öffentlicher Verdachtsfälle inkl. der anschließenden notwendigen Verifikation und Veröffentlichung der Ergebnisse ziehen mitunter schwerwiegende Konsequenzen im beruflichen aber auch privaten Umfeld der Sportler:innen nach sich.

Der Vortrag war sehr spannend, vor allem, weil er Überlegungen anstellte, die von der Mainstream-Genderforschung normalerweise nicht angesprochen werden. Die abschließende Diskussion war lebendig und konstruktiv. Wir danken Karolin Heckemeyer für den äußerst lehrreichen Vortrag und die vielen Denkanstöße!