Roundtable: IB-Forschung in turbulenten Zeiten: Wie frei ist sie (noch)?
25.09.2026Wie frei kann Wissenschaft in Zeiten von Autokratisierung, gesellschaftlicher Polarisierung und zunehmenden Angriffen auf Forschende sein? Eine Podiumsdiskussion im Rahmen der DVPW IB-Sektionstagung in Würzburg diskutierte aktuelle Herausforderungen der Wissenschaftsfreiheit – von internationalen Entwicklungen über konkrete Erfahrungen bis hin zu institutionellen Schutzmechanismen.
Wie steht es um die Freiheit der Forschung in Zeiten von Autokratisierung, gesellschaftlicher Polarisierung und zunehmenden Anfeindungen gegenüber Wissenschaftler:innen? Diese Frage stand im Mittelpunkt der öffentlichen Podiumsdiskussion „IB-Forschung in turbulenten Zeiten: Wie frei ist sie (noch)?“, die im Rahmen der IB-Sektionstagung der DVPW im Audimax der Julius-Maximilians-Universität Würzburg am 21. September 2026 stattfand.
Moderiert wurde die Diskussion von Prof. Dr. Sonja Grimm, Inhaberin des Lehrstuhls Internationale Beziehungen und Euroapforschung an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg, Mitglied des Vorstands der Sektion Internationale Beziehungen bei der DVPW und Gastgeberin der Konferenz. Auf dem Podium kamen unterschiedliche Perspektiven auf die Wissenschaftsfreiheit zusammen: aus der empirischen Forschung, aus der Hochschulpraxis, aus der Perspektive von Early career-Forscher:innen und aus internationalen Kontexten.
Wissenschaftsfreiheit unter Druck
Den Auftakt bildeten kurze Impulse der fünf Podiumsgäste. Dr. Lars Lott, Projektkoordinator des Academic Freedom Index an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, stellte zentrale Ergebnisse und Erkenntnisse des Index zur weltweiten Entwicklung der Wissenschaftsfreiheit vor.
Daran schloss PD Dr. Janne Mende vom Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht in Heidelberg an. In ihrer Funktion als Vertreterin des DVPW-Vorstands berichtete sie über die Ergebnisse der DVPW-Mitgliederbefragung zu Erfahrungen mit Anfeindungen und Bedrohungen. Damit rückten auch konkrete Erfahrungen von Wissenschaftler:innen innerhalb der deutschen politikwissenschaftlichen Fachgemeinschaft in den Fokus.
Eine weitere Perspektive brachte Dr. Jannis Julien Grimm, Direktor der Forschungsgruppe Radical Spaces an der Freien Universität Berlin, ein. Er berichtete aus seinen Erfahrungen im Berliner Wissenschaftskontext und thematisierte persönliche Eindrücke und Herausforderungen im Umgang mit Wissenschaftsfreiheit.
Dr. Eirliani Abdul Rahman, Co-Founder und Co-Director des Global Responsible Tech Lab (GRTL) sowie Principal Investigator am Mannheim Centre for European Social Research (MZES) der Universität Mannheim, ergänzte die Diskussion um Erfahrungen aus dem US-amerikanischen Kontext in Wissenschaft und Sozialen Medien.
Den institutionellen Blick auf die Sicherung der Wissenschaftsfreiheit brachte Prof. Dr. Markus Ludwigs von der Julius-Maximilians-Universität Würzburg ein. Als Vorsitzender der Arbeitsgruppe „Kodex Wissenschaftsfreiheit an der JMU“ stellte er die Entstehung, Ziele und ersten Erfahrungen mit dem Würzburger Kodex vor.
Die einzelnen Impulse wurden von Moderatorin Prof. Dr. Sonja Grimm jeweils aufgegriffen und durch Nachfragen vertieft.
Wie viel Freiheit können sich Wissenschaftler:innen leisten?
In der anschließenden moderierten Debatte ging es um die konkreten Bedingungen wissenschaftlicher Freiheit. Ein Schwerpunkt lag auf der Situation von Early Career Scholars: Wie viel wissenschaftliche Freiheit können sich Nachwuchswissenschaftler:innen leisten, wenn ihre berufliche Zukunft von befristeten Verträgen, institutionellen Abhängigkeiten und internationalen Machtverhältnissen geprägt ist?
Darüber hinaus wurde die Frage nach den Grenzen wissenschaftlicher Kooperation diskutiert. Im Mittelpunkt stand dabei das Spannungsfeld zwischen internationalem wissenschaftlichem Austausch und der Zusammenarbeit mit Institutionen und Akteuren aus repressiven politischen Kontexten. Auch mögliche Verbindungen zu Menschenrechtsverletzungen oder zu militärisch nutzbarem Wissen werfen Fragen nach der Verantwortung von Forschenden und Hochschulen auf.
Schließlich richtete sich der Blick auf die Zukunft der Wissenschaftsfreiheit. Digitalisierung, Überwachung und geopolitische Fragmentierung verändern die Bedingungen wissenschaftlicher Arbeit und internationaler Kooperation. Damit stellt sich auch die Frage, ob bestehende Schutzmechanismen ausreichen und welche Rolle internationale Regeln und institutionelle Kodizes künftig spielen können.
Wissenschaftsfreiheit als gemeinsame Aufgabe
Der Roundtable machte deutlich, dass Wissenschaftsfreiheit nicht nur eine abstrakte institutionelle oder rechtliche Frage ist. Sie betrifft konkrete Arbeitsbedingungen, internationale Kooperationen und den wissenschaftlichen Alltag ebenso wie den Umgang mit Anfeindungen und Bedrohungen von innerhalb und von außerhalb der Wissenschaft.
Mit der Verbindung empirischer Befunde, persönlicher Erfahrungsberichte und institutioneller Perspektiven bot die Podiumsdiskussionen Raum, unterschiedliche Dimensionen dieser Herausforderungen zusammenzuführen und gemeinsam über Handlungsmöglichkeiten nachzudenken.
Im Anschluss an die Podiumsdiskussion hatte das Publikum Gelegenheit, eigene Fragen einzubringen und mit den Podiumsgästen weiter zu diskutieren. Der Abend klang bei einem gemeinsamen Empfang im Lichthof der Neuen Universität aus.
Podium: Dr. Lars Lott (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg), PD Dr. Janne Mende (Max-Planck-Institut Heidelberg / DVPW), Dr. Jannis Julien Grimm (Freie Universität Berlin), Dr. Eirliani Abdul Rahman (Global Responsible Tech Lab / MZES, Universität Mannheim) und Prof. Dr. Markus Ludwigs (Julius-Maximilians-Universität Würzburg).
Moderation: Prof. Dr. Sonja Grimm (Julius-Maximilians-Universität Würzburg).
