Offene Tagung der Sektion Internationale Beziehungen der Deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft (DVPW) · 21.-23.09.2026
Drei Tage wissenschaftlicher Austausch, kontroverse Debatten und neue Perspektiven: Vom 21. bis 23. September 2026 fand an der Universität Würzburg die Offene Tagung der Sektion Internationale Beziehungen der Deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft (DVPW) 2026 statt. Im Mittelpunkt standen aktuelle Herausforderungen für die internationale Politik und die Wissenschaft selbst.
Internationale Ordnung, Wissenschaftsfreiheit und akademische Karrieren
Die Konferenz widmete sich insbesondere drei Themenfeldern, die die deutsche Fachgemeinschaft der Internationalen Beziehungen derzeit beschäftigen:
- Globale Autokratisierung und internationale Ordnung: Welche Folgen hat die zunehmende Autokratisierung für globale Institutionen und die Fähigkeit der internationalen Gemeinschaft, gemeinsame Herausforderungen wie Klimawandel, Migration und Konflikte zu bewältigen?
- Wissenschaftsfreiheit: Wie können akademische Freiheit und die Bedingungen unabhängiger Forschung angesichts von Autokratisierung und gesellschaftlicher Polarisierung geschützt werden?
- Wissenschaftliche Karrieren: Welche Perspektiven haben Nachwuchswissenschaftler angesichts zunehmend begrenzter Ressourcen für Wissenschaft und Forschung?
Die drei Themen prägten die Diskussionen während der Konferenz und boten zahlreiche Anknüpfungspunkte für den fachlichen und kollegialen Austausch. In insgesamt 16 Roundtables und 50 Panels wurden darüber hinaus wichtige Themen der Internationalen Beziehungen präsentiert, reflektiert und kritisch diskutiert. Einen wichtigen Beitrag leisteten dazu auch die eingeladenen Studierenden, die ihre Perspektiven in die Diskussionen einbrachten.
Zwei Abendpodien zu aktuellen Herausforderungen
Besondere Programmpunkte waren zwei öffentliche Podiumsdiskussionen.
Unter dem Titel „IB-Forschung in turbulenten Zeiten: Wie frei ist sie (noch)?“ diskutierten im Audimax der Neuen Universität Dr. Jannis Julien Grimm, Dr. Lars Lott, Prof. Dr. Markus Ludwigs, PD Dr. Janne Mende und Dr. Eirliani Abdul Rahman über die die Freiheit der Wissenschaft in politisch und gesellschaftlich herausfordernden Zeiten. Es moderiert Prof. Dr. Sonja Grimm.
Das zweite Podium widmete sich dem Thema „Der Gazakrieg und die (deutsche) IB“. Auf dem Podium diskutierten Peter Lintl, Dr. Hanna Pfeifer und Prof. Dr. Raffaella A. Del Sarto, moderiert von Dr. Jan Busse.
ZIB Paper Award für Cornelia Baciu
Im Rahmen der Konferenz wurde zudem der ZIB Paper Award für Early Career Scholars verliehen. Wir gratulieren Dr. Cornelia Baciu herzlich zu dieser Auszeichnung.
Unser Dank gilt dem ZIB-Team um Prof. Dr. Bernhard Stahl und Dr. Jan Busse für die Unterstützung und die Zusammenarbeit sowie die Juroren für die Auswahl.
Dank an alle Beteiligten
Eine Konferenz dieser Größe ist nur durch das Zusammenspiel vieler Beteiligter möglich. Unser besonderer Dank gilt dem Vorstand der Sektion Internationale Beziehungen – Dr. Dennis Redeker, Prof. Dr. Markus Lederer und Dr. Melanie Morisse – für die gemeinsame Vorbereitung und Organisation.
Wir danken allen anwesenden Kolleg:innen sowie insbesondere den Chairs und Discussants für die engagierte Beteiligung und Gestaltung aller Roundtables und Panels.
Ebenso danken wir der Universität Würzburg, der Fakultät für Humanwissenschaften, insbesondere ihrem Hausdienst, dem Institut für Politikwissenschaft und Soziologie (IPS) sowie der Pressestelle der Universität Würzburg für ihre Unterstützung.
Wir bedanken uns bei der Geschäftsstelle der Deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft (DVPW), namentlich Dr. Vera van Hüllen, für die professionelle Unterstützung bei der Konferenzorganisation.
Für die Unterstützung der Konferenz danken wir außerdem der Bayerischen Wissenschaftsallianz für Friedens-, Konflikt- und Sicherheitsforschung, den Verlagen Nomos, Springer, Wochenschau Verlag, Campus, Duncker & Humblot und LIT sowie unseren Dienstleistern, dem Cateringservice Pavillon, dem Staatlichen Hofkeller Würzburg, dem Musiktrio um Peter Pfriem und dem Fotografen Rudi Merkl.
Ein besonderer Dank geht schließlich an das gesamte Organisationsteam: Tabea Yilu, Philipp Berg, Emely Bischof, Maya van der Linden, Redona Tafaj, Dr. Elena Dück, Dr. Philipp Gieg, Noemi Albrecht, Carolin Gutmüller, Mara Nelegatti, Antonia Jordan und Alexander Gerner.
Die Offene Tagung der Sektion Internationale Beziehungen der Deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft (DVPW) 2026 hat Raum für die Diskussion aktueller Herausforderungen geschaffen und den fachlichen Austausch innerhalb der Community gestärkt. Die Gespräche werden spätestens beim DVPW-Kongress 2027 fortgesetzt. Die Mitglieder der Sektion Internationale Beziehungen werden sich im Rahmen des Kongresses auch zu einer Mitgliederversammlung treffen. Wir freuen uns darauf!
Prof. Dr. Sonja Grimm für das gesamte Organisationsteam
Wie frei kann Wissenschaft in Zeiten von Autokratisierung, gesellschaftlicher Polarisierung und zunehmenden Angriffen auf Forschende sein? Eine Podiumsdiskussion im Rahmen der IB-Sektionstagung in Würzburg diskutierte aktuelle Herausforderungen der Wissenschaftsfreiheit – von internationalen Entwicklungen über konkrete Erfahrungen bis hin zu institutionellen Schutzmechanismen.
Wie steht es um die Freiheit der Forschung in Zeiten von Autokratisierung, gesellschaftlicher Polarisierung und zunehmenden Anfeindungen gegenüber Wissenschaftler:innen? Diese Frage stand im Mittelpunkt der öffentlichen Podiumsdiskussion „IB-Forschung in turbulenten Zeiten: Wie frei ist sie (noch)?“, die im Rahmen der IB-Sektionstagung der DVPW im Audimax der Julius-Maximilians-Universität Würzburg am 21. September 2026 stattfand.
Moderiert wurde die Diskussion von Prof. Dr. Sonja Grimm, Inhaberin des Lehrstuhls Internationale Beziehungen und Euroapforschung an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg, Mitglied des Vorstands der Sektion Internationale Beziehungen bei der DVPW und Gastgeberin der Konferenz. Auf dem Podium kamen unterschiedliche Perspektiven auf die Wissenschaftsfreiheit zusammen: aus der empirischen Forschung, aus der Hochschulpraxis, aus der Perspektive von Early career-Forscher:innen und aus internationalen Kontexten.
Wissenschaftsfreiheit unter Druck
Den Auftakt bildeten kurze Impulse der fünf Podiumsgäste. Dr. Lars Lott, Projektkoordinator des Academic Freedom Index an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, stellte zentrale Ergebnisse und Erkenntnisse des Index zur weltweiten Entwicklung der Wissenschaftsfreiheit vor.
Daran schloss PD Dr. Janne Mende vom Max-Planck-Institut für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht in Heidelberg an. In ihrer Funktion als Vertreterin des DVPW-Vorstands berichtete sie über die Ergebnisse der DVPW-Mitgliederbefragung zu Erfahrungen mit Anfeindungen und Bedrohungen. Damit rückten auch konkrete Erfahrungen von Wissenschaftler:innen innerhalb der deutschen politikwissenschaftlichen Fachgemeinschaft in den Fokus.
Eine weitere Perspektive brachte Dr. Jannis Julien Grimm, Direktor der Forschungsgruppe Radical Spaces an der Freien Universität Berlin, ein. Er berichtete aus seinen Erfahrungen im Berliner Wissenschaftskontext und thematisierte persönliche Eindrücke und Herausforderungen im Umgang mit Wissenschaftsfreiheit.
Dr. Eirliani Abdul Rahman, Co-Founder und Co-Director des Global Responsible Tech Lab (GRTL) sowie Principal Investigator am Mannheim Centre for European Social Research (MZES) der Universität Mannheim, ergänzte die Diskussion um Erfahrungen aus dem US-amerikanischen Kontext in Wissenschaft und Sozialen Medien.
Den institutionellen Blick auf die Sicherung der Wissenschaftsfreiheit brachte Prof. Dr. Markus Ludwigs von der Julius-Maximilians-Universität Würzburg ein. Als Vorsitzender der Arbeitsgruppe „Kodex Wissenschaftsfreiheit an der JMU“ stellte er die Entstehung, Ziele und ersten Erfahrungen mit dem Würzburger Kodex vor.
Die einzelnen Impulse wurden von Moderatorin Prof. Dr. Sonja Grimm jeweils aufgegriffen und durch Nachfragen vertieft.
Wie viel Freiheit können sich Wissenschaftler:innen leisten?
In der anschließenden moderierten Debatte ging es um die konkreten Bedingungen wissenschaftlicher Freiheit. Ein Schwerpunkt lag auf der Situation von Early Career Scholars: Wie viel wissenschaftliche Freiheit können sich Nachwuchswissenschaftler:innen leisten, wenn ihre berufliche Zukunft von befristeten Verträgen, institutionellen Abhängigkeiten und internationalen Machtverhältnissen geprägt ist?
Darüber hinaus wurde die Frage nach den Grenzen wissenschaftlicher Kooperation diskutiert. Im Mittelpunkt stand dabei das Spannungsfeld zwischen internationalem wissenschaftlichem Austausch und der Zusammenarbeit mit Institutionen und Akteuren aus repressiven politischen Kontexten. Auch mögliche Verbindungen zu Menschenrechtsverletzungen oder zu militärisch nutzbarem Wissen werfen Fragen nach der Verantwortung von Forschenden und Hochschulen auf.
Schließlich richtete sich der Blick auf die Zukunft der Wissenschaftsfreiheit. Digitalisierung, Überwachung und geopolitische Fragmentierung verändern die Bedingungen wissenschaftlicher Arbeit und internationaler Kooperation. Damit stellt sich auch die Frage, ob bestehende Schutzmechanismen ausreichen und welche Rolle internationale Regeln und institutionelle Kodizes künftig spielen können.
Wissenschaftsfreiheit als gemeinsame Aufgabe
Der Roundtable machte deutlich, dass Wissenschaftsfreiheit nicht nur eine abstrakte institutionelle oder rechtliche Frage ist. Sie betrifft konkrete Arbeitsbedingungen, internationale Kooperationen und den wissenschaftlichen Alltag ebenso wie den Umgang mit Anfeindungen und Bedrohungen von innerhalb und von außerhalb der Wissenschaft.
Mit der Verbindung empirischer Befunde, persönlicher Erfahrungsberichte und institutioneller Perspektiven bot die Podiumsdiskussionen Raum, unterschiedliche Dimensionen dieser Herausforderungen zusammenzuführen und gemeinsam über Handlungsmöglichkeiten nachzudenken.
Im Anschluss an die Podiumsdiskussion hatte das Publikum Gelegenheit, eigene Fragen einzubringen und mit den Podiumsgästen weiter zu diskutieren. Der Abend klang bei einem gemeinsamen Empfang im Lichthof der Neuen Universität aus.
Podium: Dr. Lars Lott (Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg), PD Dr. Janne Mende (Max-Planck-Institut Heidelberg / DVPW), Dr. Jannis Julien Grimm (Freie Universität Berlin), Dr. Eirliani Abdul Rahman (Global Responsible Tech Lab / MZES, Universität Mannheim) und Prof. Dr. Markus Ludwigs (Julius-Maximilians-Universität Würzburg).
Moderation: Prof. Dr. Sonja Grimm (Julius-Maximilians-Universität Würzburg).
Wie geht die Wissenschaft der Internationalen Beziehungen mit dem Gazakrieg um – und welche besonderen Herausforderungen ergeben sich dabei für die deutsche Fachcommunity? Diesen Fragen widmete sich der ZIB-Roundtable „Der Gazakrieg und die (deutsche) IB“ am Dienstagabend der IB-Sektionstagung 2026 in Würzburg.
Unter der Moderation von ZIB-Ko-Herausgeber Jan Busse (Universität der Bundeswehr München) diskutierten Hanna Pfeifer (Institut für Friedensforschung und Sicherheitspolitik an der Universität Hamburg), Raffaella A. Del Sarto (European University Institute Florenz) und Peter Lintl (Stiftung Wissenschaft und Politik Berlin) über den wissenschaftlichen Umgang mit dem Gazakrieg und über die Bedingungen, unter denen Forschung und wissenschaftliche Debatten zu Gaza derzeit stattfinden.
Im Mittelpunkt stand dabei nicht allein die Analyse des Konflikts selbst. Vielmehr richtete sich der Blick in einer Meta-Analyse auch auf die IB-Forschung und ihre gesellschaftliche Rolle. Dem deutschen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskurs wurde, aufgrund der deutschen Geschichte, eine besondere Dynamik attestiert.
Deutlich wurde dabei unter anderen, dass die wissenschaftliche Beschäftigung mit Gaza nicht losgelöst von ihrem gesellschaftlichen Umfeld stattfindet. Thematisiert wurden Erfahrungen von Wissenschaftler*innen mit Anfeindungen im Zusammenhang mit ihrer Forschung. Diskutiert wurde auch, wie die Wissenschaft den Debattenraum für kontroverse und komplexe Themen generell offen halten kann. Dabei wurde darauf verwiesen, dass die Wissenschaft den Erwartungen von Politik und Medien kaum entsprechen kann. Als problematisch wurde auch eine Fokussierung der öffentlichen Debatte auf einen Streit um Begrifflichkeiten bezeichnet, obwohl es eher wissenschaftlichen Disziplinen wie dem Völkerrecht oder den Internationalen Beziehungen zukommt, Begriffe zu definieren und in die öffentliche Debatte einzuspeisen. Dies sei im konkreten Fall gar nicht gelungen. Im Rahmen der Diskussion kam aus dem Publikum der Hinweis, dass es neben der Beteiligung an einer breiten öffentlichen Debatte auch die Option gibt, sich um Rahmen der universitären Lehre entsprechenden Themen zu widmen.
Der Roundtable knüpfte an das übergeordnete Ziel der ZIB an, Kontroversen und Diskussionen wissenschaftlich reflektiert auszutragen und unterschiedliche Perspektiven innerhalb der Disziplin miteinander ins Gespräch zu bringen.
Erstmals waren bei der IB-Sektionstagung 2026 Bachelor- und Masterstudierende eingeladen, die Tagung aktiv mitzuerleben und mitzugestalten. 34 Studierende wurden nach einem Bewerbungsverfahren dafür ausgewählt. Damit wurde ein neues Format geschaffen, das den Austausch zwischen Studierenden und Wissenschaftler verschiedener Karrierestufen fördern und Studierenden einen unmittelbaren Einblick in die Forschungspraxis und den wissenschaftlichen Alltag der Internationalen Beziehungen ermöglichen sollte.
Die Möglichkeit zur Teilnahme stieß auf großes Interesse. Die eingeladenen Studierenden konnten während der Tagung aktuelle Forschung kennenlernen, an wissenschaftlichen Diskussionen teilnehmen und mit Wissenschaftler:innen aus unterschiedlichen Karrierephasen ins Gespräch kommen. Auf diese Weise bot die Tagung nicht nur Einblicke in aktuelle Debatten der Internationalen Beziehungen, sondern auch Gelegenheit, erste Kontakte innerhalb der Fachgemeinschaft zu knüpfen.
Austausch über Wissenschaft und Karriere
Bereits vor dem offiziellen Beginn der Tagung wurden die Studierenden vom Vorstand der IB-Sektion, Markus Lederer, Sonja Grimm, und Dennis Redeker, dem ECIB-Sprecher Stefan Maukner und den beiden Würzburger Postdocs Elena Dück und Philipp Gieg begrüßt.
Im Mittelpunkt des Treffens standen Fragen rund um den Ablauf und die Organisation wissenschaftlicher Tagungen sowie um Karrierewege und Perspektiven in der Disziplin der Internationalen Beziehungen. Die Studierenden hatten dabei die Möglichkeit, ihre Fragen unmittelbar an die Mitglieder des Sektionsvorstands zu richten und sich über Erfahrungen und unterschiedliche Karrierewege in der Wissenschaft auszutauschen.
Die Einbindung von Studierenden aller Qualifikationsstufen war zugleich ein wichtiges Anliegen der Tagung: Wissenschaftlicher Austausch sollte nicht auf etablierte Forscher und Nachwuchswissenschaftler beschränkt bleiben, sondern bereits während des Studiums beginnen.
Studierende als Teil der Fachgemeinschaft
Die Teilnahme der BA- und MA-Studierenden bereicherte die Tagung um zusätzliche Perspektiven und schuf neue Möglichkeiten für den Austausch zwischen den verschiedenen Generationen und Karrierestufen innerhalb der Internationalen Beziehungen.
Das neue Format soll dazu beitragen, Studierende frühzeitig mit der wissenschaftlichen Fachgemeinschaft zu vernetzen, Interesse an internationaler Beziehungsforschung zu fördern und Einblicke in wissenschaftliche Arbeits- und Karrierewege zu ermöglichen.
Die IB-Sektion bedankt sich bei allen teilnehmenden Studierenden für ihr Interesse und ihre engagierte Beteiligung an der Tagung.
Im Rahmen der IB-Sektionstagung 2026 der Deutschen Vereinigung für Politikwissenschaft (DVPW) an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg wurde Dr. Cornelia Baciu mit dem ZIB Best Paper Award 2026 ausgezeichnet. Der Preis würdigt herausragende wissenschaftliche Arbeiten von Forschenden in der Qualifizierungsphase und ist mit der Möglichkeit einer Publikation in der Zeitschrift für Internationale Beziehungen (ZIB) verbunden.
Ausgezeichnet wurde Bacius Paper „‘We are All Ukrainian’: The Expressivist Nexus Between Ontological and Vicarious Security“, das im Panel „Amid Global Transformations: Reconfiguring the EU’s Foreign Policy and External Relations“ vorgestellt wurde.
Wie verändert der Krieg gegen die Ukraine Europas Sicherheitsverständnis?
In ihrem Beitrag untersucht Cornelia Baciu, wie die Ukraine seit dem russischen Angriffskrieg zu einer Quelle sogenannter „stellvertretender Sicherheit“ (vicarious security) für Europa geworden ist. Im Zentrum steht die Frage, wie die europäische Unterstützung für die Ukraine nicht allein aus unmittelbaren sicherheitspolitischen Interessen heraus erklärt werden kann, sondern zugleich zur Stabilisierung und Veränderung europäischer Identität beiträgt.
Theoretisch verbindet die Studie Konzepte der ontologischen Sicherheit mit dem Ansatz der vicarious security und entwickelt diesen Zusammenhang aus einer expressivistischen, von Nietzsche inspirierten Perspektive weiter. Im Unterschied zu Erklärungen, die stellvertretende Sicherheit vor allem als Reaktion auf einen Mangel oder als Folge von Ko-Präsenz verstehen, rückt Baciu Prozesse der Selbstveränderung und des „Becoming“ in den Mittelpunkt.
Unterstützung der Ukraine als Prozess europäischer Selbsttransformation
Anhand europäischer Unterstützung und militärischer Hilfe für die Ukraine sowie politischer Äußerungen europäischer Führungspersönlichkeiten zeigt die Studie, wie sich eine zunehmende Identifikation Europas mit der Ukraine herausbildet. Die Ukraine erscheint dabei als ein „significant Other“, dessen Überleben zunehmend als eng mit der eigenen Sicherheit und Freiheit Europas verbunden dargestellt wird.
Bacius zentrale These ist, dass diese Form der Unterstützung nicht lediglich kompensatorisch wirkt. Vielmehr kann sie als produktiver Prozess europäischer Selbsttransformation verstanden werden: Durch die Unterstützung der Ukraine verändert und stabilisiert Europa zugleich sein eigenes Verständnis von Identität und Sicherheit.
Damit macht die Studie sichtbar, dass nicht nur politische Narrative, sondern auch konkrete politische Praktiken an der Herstellung ontologischer Sicherheit beteiligt sind.
Theoretischer und methodischer Beitrag
Die Jury bzw. die Nominierenden würdigten insbesondere die Verbindung von theoretischer Innovation und empirischer Analyse. Einen wesentlichen Beitrag leistet die Neubestimmung des Konzepts der „Vicarity“: Stellvertretende Sicherheit wird nicht als bloß abgeleitete Reaktion verstanden, sondern als ein Prozess, durch den sich politische Gemeinschaften selbst verändern können.
Darüber hinaus verbindet die Arbeit ihre theoretische Argumentation mit einer Analyse politischer Praktiken. Die Weiterentwicklung des Practice Tracing trägt dazu bei, den Zusammenhang zwischen konkretem politischen Handeln und Prozessen der Identitätsbildung herauszuarbeiten.
Die Studie leistet damit einen eigenständigen Beitrag zur internationalen Sicherheitsforschung und eröffnet zugleich neue Perspektiven auf die politische Bedeutung existenzieller Krisen, europäischer Solidarität und der Unterstützung der Ukraine.
Zur Person
Dr. Cornelia Baciu ist Postdoktorandin an der Universität des Saarlandes, am Cluster für Europaforschung und im Nachwuchskolleg Europa. Mit dem ZIB Best Paper Award wird eine Wissenschaftlerin in der Early-Career-Phase für eine Arbeit ausgezeichnet, die theoretische Weiterentwicklung mit einer empirisch fundierten Analyse aktueller Fragen der europäischen Außen- und Sicherheitspolitik verbindet.
Die Auswahljury des ZIB und der Vorstand der Sektion Internationale Beziehungen bei der DVPW gratulieren Cornelia Baciu herzlich zur Auszeichnung und wünscht ihr weiterhin viel Erfolg für ihre wissenschaftliche Arbeit.
Vorstand der IB-Sektion bei der DVPW:
- Sonja Grimm
- Markus Lederer
- Melanie Morisse
- Dennis Redeker (zurzeit geschäftsführend)
Organisationsteam in Würzburg:
Prof. Dr. Sonja Grimm
Lehrstuhl für Internationale Beziehungen und Europaforschung
Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Wittelsbacherplatz 1, 97074 Würzburg
Teamassistenz: Tabea Yilu


