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Institut für Politikwissenschaft und Soziologie

11.05.2023: Klimabewusst? Ist Nachhaltigkeitsforschung Teil des Protests?

Welche Rolle sollte der Aktivismus innerhalb der Nachhaltigkeitsforschung einnehmen? Die erste Veranstaltung des diesjährigen Programmes des Forum Nachhaltigkeit behandelte diese Frage und bot zahlreichen Interessierten einen Austausch in lockerer Atmosphäre.

Am Donnerstag, den 11. Mai, fand in dem Würzburger Kulturzentrum “Kellerperle” die Auftaktveranstaltung der Vortragsreihe „Transformatives Nachhaltigkeitswissen im Spannungsfeld von Normativität und Normalität" des Forum Nachhaltigkeit statt. Die Abendveranstaltung bot zahlreichen Studierenden, Wissenschaftler*innen, Aktivist*innen und weiteren Interessierten Gelegenheit, sich in lockerer Atmosphäre über das Verhältnis von Nachhaltigkeitsforschung und politischem Aktivismus im Klima- und Umweltschutz auszutauschen und gemeinsam zu diskutieren. Musikalisch wurde der Abend von der Singer-Songwriterin Anne Lendle (alias aennies) begleitet.

Eröffnet wurde die Veranstaltung mit einer Begrüßung von Linda Koch, die auch durch den Abend führte. Ihr Verweis auf jüngste Ereignisse, wie die Hörsaalbesetzung am Z6 der Universität Würzburg, verdeutlichte, dass das Spannungsfeld zwischen Wissenschaft und Aktivismus aktuell von großer Relevanz ist.

Who to blame ? - Vortrag zu den Funktionsfehlern und dem Spannungsfeld von Wissenschaft und Politik

Den thematischen Einstieg in den Abend machte Prof. Dr. Michael Böcher mit einem spannenden Vortrag zu den Fragen: Wieviel Politik verträgt die Wissenschaft? Müssen Nachhaltigkeitsforscher*innen auch Aktivist*innen sein?

Prof. Dr. Böcher erklärte, dass das Grundproblem der aktuellen Debatte über die Beziehungen zwischen Klimawissenschaft und Klimapolitik in einem inhärenten Fehlverständnis von Politik läge. „Politik ist keine Wissenschaft und umgekehrt”, so Böcher. Nach einem weit verbreiteten funktionalen Verständnis der wissenschaftlichen Politikberatung entwickelt die Wissenschaft Problemlösungsstrategien, auf welche die Politik zurückgreifen kann. Hierbei wird jedoch oftmals verkannt, dass in der politischen Praxis Interessen ausschlaggebend dafür sind, welche Aspekte wissenschaftlicher Erkenntnisse ausgewählt werden und Eingang in politische Entscheidungsprozesse finden (und welche nicht).

In seinem Vortrag benannte Michael Böcher drei verschiedene Positionen, welche als Begründung für fehlende politische Orientierung an Erkenntnissen der Klimawissenschaft angeführt werden können: Blame Science – Blame Politics – Blame Science and Politics. Letztere Position fordert angesichts der drängenden Problematiken des Klimawandels eine aktivere Rolle von Wissenschaft in der Politik und eine Aufgabe der Trennung von Wissenschaft und Gesellschaft. Unter der Annahme, dass den zwei Systemen – Wissenschaft und Politik – unterschiedliche Logiken und Funktionsweisen zugrunde liegen (Suche nach Wahrheit in der Wissenschaft versus Streben nach Macht in der Politik), warnte Böcher vor einer leichtfertigen Vermischung von Wissenschaft und Aktivismus. Er argumentierte, dass die unklare Verbindung von Aktivismus und Wissenschaft am Ende der Wissenschaft schade und Wissenschaftler*innen Gefahren aussetze. Seine Position stütze sich auf sechs Thesen, die zugleich als Einladung zu einer offenen Diskussion dienten. Im Anschluss an den Vortrag kommentierten die Teilnehmer*innen einige der Thesen, stellten Rückfragen oder brachten eigene Erfahrungen aus dem gesellschaftlichen Alltag, dem Aktivismus, dem Studium oder der wissenschaftlichen Arbeit an der Universität ein.

Alle zu Tisch - Diskussionen mit Akteur*innen aus Wissenschaft und Aktivismus

Im zweiten Teil des Abends wurde ein World Café mit fünf Tischen zu unterschiedlichen Themenschwerpunkten und Thesen veranstaltet. In mehreren Runden konnten die Anwesenden mit Leonie Keupp (Aktivistin bei Greenpeace, Letzte Generation und Foodsharing), Dr. Gregor Schaumann (Wissenschaftler der mathematischen Physik und Aktivist bei Scientists for Future), Prof. Dr. Michael Böcher (Politikwissenschaftler), Max Luginsland (Aktivist bei End Fossil Occupy und Student) und weiteren studentischen Aktivist*innen in wechselnden Kleingruppen diskutieren.

Zum Abschluss fanden sich alle Anwesenden noch einmal für ein kurzes "Blitzlicht” aus den Gruppen zusammenund aennies ließ den Abend mit einigen Liedern ausklingen.

 

Die Veranstaltung wurde unter Leitung von Julia Brähler von Antonia Böckle, Sofia Tahri, Linda Koch, Jun.-Prof. Dr. Ulrike Zeigermann und dem Team des Forum Nachhaltigkeit am Institut für Politikwissenschaft und Soziologie organisiert und vom Human Dynamics Centre der JMU gefördert.