Intern
Institut für Politikwissenschaft und Soziologie

Gewandeltes Selbstbewusstsein Lateinamerikas

29.05.2010

Karsten Bechle und Irma de Melo-Reiners bewerteten den EU-Lateinamerika-Gipfel von Madrid

WÜRZBURG – „Die Machtverhältnisse in den biregionalen Beziehungen zwischen Europa und Lateinamerika haben sich gewandelt“, sagte Karsten Bechle vom Institute of Latin American Studies des GIGA (German Institute of Global and Area Studies). Bechle und Dr. Irma de Melo-Reiners, Geschäftsführerin des Bay-LAT (Bayerisches Hochschulzentrum für Lateinamerika) referierten im Hörsaal am Wittelsbacherplatz zum Thema „Beziehungen der Europäischen Union zu Lateinamerika – eine Bewertung des EU-Lateinamerika-Gipfels von Madrid“.

Nach den einführenden Worten von Organisator Dr. Thomas Cieslik zog Bechle Bilanz über das Treffen von Madrid am 18. Mai 2010 und beschäftigte sich mit der Frage, ob die Europäische Union (EU), Lateinamerika und die Karibik (LAK) seit ihrem ersten Gipfel 1999 in Rio de Janeiro in der angestrebten strategischen Partnerschaft Fortschritte gemacht haben? 

Die zentralen Ergebnisse des Gipfels, der unter dem Thema „Towards a new phase of the bi-regional association: innovation and technology for sustainable development and social inclusion“ stand, seien das biregionale Assoziierungsabkommen mit Zentralamerika, die Freihandelsverträge mit Peru und Kolumbien, die Wiederaufnahme der Verhandlungen mit dem MERCOSUR und die Schaffung der EU-LAK-Stiftung. Bei den Konferenzen war dabei deutlich ein „gewandeltes Selbstvertrauen Lateinamerikas“ zu erkennen, stellte Bechle fest: „Sie diktierten auch die Bedingungen mit.“ Ein Beispiel hierfür war die im Vorfeld des Gipfels geäußerte Drohung der großen lateinamerikanischen Staaten, das Treffen zu boykottieren, weil der honduranische Präsident Lobo ebenfalls eingeladen war. Bis heute lehnen es die meisten lateinamerikanischen Staaten ab, den neu gewählten konservativen Präsidenten anzuerkennen, nachdem Manuel Zelaya aus seinem Amt im vergangenen Jahr geputscht wurde. Schließlich nahm Lobo nur am Treffen der EU und der zentralamerikanischen Staaten teil.

„Lateinamerika strotzt vor Selbstvertrauen, da es die Finanzkrise relativ gut überstanden hat“, so Bechle. Vor allem die Regionalmacht Brasilien trete ganz anders auf, als am Anfang der EU-LAK-Partnerschaft. Die EU auf der anderen Seite hat noch schwer mit den Folgen der Krise zu kämpfen. Die wichtigen Ergebnisse des Treffens wurden auch nicht bei den Verhandlungen der Staats- und Regierungschefs erzielt, sondern vielmehr auf den vorangegangenen Spezialgipfeln. Hierbei kam die EU mit den Staaten des MERCOSUR, der Andengemeinschaft, Zentralamerikas und dem CARIFORUM zusammen.

Insgesamt werden die Beziehungen laut Bechle fragmentierter und bilaterale Abkommen immer wichtiger. Das zeigen die Vereinbarungen mit Kolumbien und Peru sowie die Einzelverhandlungen mit Mexiko und Chile. Das große Streitthema, die Liberalisierung der europäischen Agrarmärkte, sieht der Wissenschaftler vom GIGA-Institut als mögliche Chance für beide Seiten und hält eine Lösung für „nicht völlig unmöglich“. Insgesamt komme man um diese Frage nicht herum. „Beide Seiten müssen sich aber aufeinander zu bewegen“, sagte Bechle. 

Dr. Irma de Melo-Reiners machte bei ihrem Vortrag deutlich, dass der Gipfel die Wissenschaftsbeziehungen zwischen der EU und Lateinamerika – vor  allem auch in Bezug auf Bayern – „ankurbeln wird“. Sie bestätigte das „gewachsene Selbstbewusstsein“ der LAK-Länder und wertete den Gipfel durchaus „als Erfolg“. Auch wegen der gegründeten Stiftung, die sie als „sehr positive Grundlage für die Wissenschaft“ ansieht. Beide Referenten bekräftigten die Wichtigkeit von Verbindungen im Wissenschaftsbereich, die aus ihrer Sicht in der Zukunft jedoch noch stärker ausgebaut werden müssen. 

Trotz der auch dieses Mal insgesamt eher dürftigen Ergebnisse des EU-LAK-Gipfels sieht Karsten Bechle aber dennoch eine Zukunft für das Treffen in der momentanen Form. Eine Abschaffung hält er für den falschen Schritt: „Die politische Signalwirkung wäre sehr negativ. Auch wenn es einem manchmal ein bisschen wie ein einfacher Fototermin vorkommt“.

Stefan Blank, Student im Bachelor-Studiengang Political and Social Sciences

 

 

 

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