Internationale Beziehungen jenseits binärer Denkmuster – Gastvortrag von Prof. Deepshikha Shahi
15.07.2026Wie lassen sich internationale Beziehungen erklären, ohne sie auf starre Gegensätze wie Freundschaft und Feindschaft oder Kooperation und Konkurrenz zu reduzieren? Dieser Frage widmete sich die indische Politikwissenschaftlerin Prof. Deepshikha Shahi bei einem öffentlichen Gastvortrag an der Universität Würzburg.
Am 7. Juli 2026 sprach Prof. Deepshikha Shahi im Rahmen des Seminars „Indien in den internationalen Beziehungen“ bei Dr. Philipp Gieg vom Lehrstuhl für Internationale Beziehungen und Europaforschung der Universität Würzburg. Unter dem Titel „From Kautilya to Nondualist Global IR: Beyond Binary Thinking in India’s Foreign Relations“ stellte sie in einem öffentlichen Vortrag einen theoretischen Ansatz vor, der über etablierte binäre Kategorien der Internationalen Beziehungen hinausgeht.
Shahi ist Humboldt-Fellow an der Universität Rostock und Professorin an der Jindal School of International Affairs in Indien. In ihrem englischsprachigen Vortrag zeichnete sie die Entwicklung der sogenannten Global International Relations (Global IR) anhand von drei Generationen nach.
Die erste Generation, häufig als „Non-Western IR“ bezeichnet, erweiterte die Disziplin um nichtwestliche Ideen und Denker wie den altindischen Staatsphilosophen Kautilya. Diese wurden jedoch vielfach weiterhin innerhalb etablierter theoretischer Ansätze wie des Realismus interpretiert. Postkoloniale und dekoloniale Ansätze der zweiten Generation stellten westliche und nichtwestliche Wissenstraditionen nebeneinander, hielten dabei aber an deren analytischer Trennung fest.
Im Mittelpunkt des Vortrags stand die von Shahi vertretene dritte Generation einer „nondualist Global IR“. Dieser Ansatz versteht globale Politik als ein Feld, in dem Unterschiede und wechselseitige Verflechtungen gleichzeitig bestehen. Dadurch sollen Beziehungen zwischen Staaten nicht länger ausschließlich in festen Kategorien wie Allianz oder Rivalität, Freundschaft oder Feindschaft erfasst werden.
Am Beispiel der Beziehungen zwischen Indien, China und den USA zeigte Shahi, dass Kooperation und Konkurrenz keine unvereinbaren Gegensätze sein müssen. Indiens Verhältnis zu anderen Großmächten lasse sich vielmehr als dynamischer und miteinander verflochtener Prozess verstehen. Eine solche postbinäre Perspektive könne dazu beitragen, die Vielschichtigkeit der gegenwärtigen Weltpolitik präziser zu erfassen.
Der öffentliche Vortrag war eine Kooperationsveranstaltung des Indien-Forums am Institut für Politikwissenschaft und Soziologie und des Indien-Kompetenzzentrums der Universität Würzburg (ICCUW).
